Lasst die Lehrer entscheiden

Der freie Elternwille gehört auf
die bildungspolitische Müllhalde

 

Von Ulrich Suffner

E-Mail: u.suffner@ov-online.de   

Die Trendzahlen aus den 4. Klassen der Grundschulen und aus den Orientierungsstufen sind nach den Halbjahreszeugnissen im Landkreis Vechta so ernüchternd ausgefallen wie in ganz Niedersachsen. Nur noch 19 Prozent der Eltern, vor allem Aussiedler und ausländische Mitbürger, werden ihr Kind zum nächsten Schuljahr landesweit an der Hauptschule anmelden, dagegen werden 40 Prozent der Erziehungsberechtigten ihren Nachwuchs auf die Gymnasien und 35 Prozent auf die Realschulen im Lande schicken.

Diese Zahlen sind keinesfalls der Beweis der besonderen Intelligenz unserer Kinder. Sie sind Ausdruck der Unvernunft vieler Eltern und eines fatalen Fehlers in der Schulreform. Die Unvernunft der Eltern offenbart sich in der massenhaften Ignoranz gegenüber den bisher von den Orientierungsstufen und nun wieder von den Grundschulen gestellten Laufbahnempfehlungen. Die objektiven Aussagen von Lehrern, die über Jahre mit den Kindern lernen, zählen eben nicht, wenn dieses Urteil den Wunschvorstellungen von Eltern widerspricht. Die Folge sind unzählige gescheiterte Schülerkarrieren und das Absinken des Leistungsniveaus in den Schulen.

Der fatale Fehler der CDU/ FDP-Landesregierung besteht darin, dieser elterlichen Unvernunft nicht endlich Grenzen gesetzt zu haben. Nicht nur die Orientierungsstufe, sondern auch der freie Elternwille gehört auf die bildungspolitische Müllhalde. Aber wer will es sich schon mit den Eltern, sprich dem Wähler, verderben?

Stattdessen verspricht Kultusminister Bernd Busemann in dieser Woche wider besseren Wissens, dass die endgültigen Laufbahnempfehlungen der Schulen die Eltern vor den Sommerferien noch scharenweise zum Umdenken bewegen werden. Im Gegenteil wird der Run auf die Realschulen noch zunehmen, wenn sich erst herumgesprochen hat, dass sich die Schülerstruktur an den Hauptschulen weiter verschlechtert. Da helfen auch die im Schulgesetz neu verankerten Regelungen zur Durchlässigkeit nicht. Welcher Realschulrektor hätte schon das Rückgrat, am Ende des 6. Jahrgangs Schüler in Klassenstärke in die Hauptschulen zu schicken? Er bekommt massiven Ärger mit den Eltern, er verliert bei sinkenden Schülerzahlen Lehrerstellen und vieles mehr. Nein, die Realität sieht schon seit Jahren anders aus: Die Schule passt sich dem Leistungsniveau der Schüler an.
Die Landesregierung sollte ihren Fehler eingestehen und sich an Bayern und Sachsen orientieren. Dort entscheiden Gutachten von dafür ausgebildeten Lehrern über den weiteren Bildungsweg von Kinder, nicht die Träume von Eltern.

 

Leserbrief zum Kommentar von Peter Roghmann, Lehrer der Ludgerus-Schule in der OV vom 25.02.2004